In dieser kleinen Familienszene ist der blaue Becher falsch. Der rote steht direkt daneben, weshalb ich versucht bin, die Angelegenheit mit einem Hinweis auf die räumliche Nähe zu lösen. Emil ist drei und löst sie lieber mit seinem ganzen Körper. Paula hält sich die Ohren zu. Ich denke den wenig hilfreichen Satz: Das kann doch jetzt nicht sein.
Doch. Es kann. Und mein Wunsch, dass es nicht so laut wäre, ist noch keine Erklärung für Emils Verhalten.
Nicht jede Wahl ist eine Grundsatzfrage
Wenn der rote Becher verfügbar ist und nichts dagegenspricht, darf Emil ihn nehmen. Ich muss nicht nachträglich einen wichtigen Erziehungsgrund erfinden, damit mein erster Handgriff recht behält. Anders sieht es aus, wenn er gerade einem anderen Kind gehört oder etwas Gefährliches verlangt wird. Dann bleibt die Grenze.
Ich prüfe kurz, ob Hunger, Müdigkeit oder zu viele Wechsel im Spiel sind. Nicht um eine lückenlose Ursache zu diagnostizieren. Sondern damit ich ein erschöpftes Kind nicht mit zusätzlicher Eile behandle. Auch die NHS-Information zu Wutanfällen nennt solche alltäglichen Auslöser.
Meine persönliche Falle ist Reden. Ich kann sehr verständnisvoll sieben Sätze sagen, obwohl gerade ein verständlicher gereicht hätte: „Du wolltest den roten.“ Danach muss ich nicht sofort das gesamte Familienregelwerk vortragen.
Da sein und trotzdem Grenzen setzen
Ich bleibe in seiner Nähe und achte darauf, dass niemand verletzt wird. Einen fliegenden Becher räume ich weg. Wenn er schlagen will, stoppe ich das ruhig und halte Abstand zwischen den Kindern. „Ich lasse nicht zu, dass du Paula haust.“ Keine Beschämung, keine Drohung mit Liebesentzug.
Eine Umarmung biete ich an, ohne sie aufzuzwingen. Manche Kinder möchten gerade keinen Körperkontakt. Mein Ziel ist nicht, einen Wutanfall möglichst vorführbar zu beenden, sondern Sicherheit und Beziehung zu halten.
Die NHS-Seite über die Begleitung großer Gefühle ordnet das Erklären nach dem Beruhigen ein. Mir hilft diese Reihenfolge. Mein gut vorbereitetes Argument kann warten. Es läuft nicht weg; es ist schließlich meins.
Und Paula?
Paula braucht weder einen Vortrag darüber, wie schwierig es ihr Bruder hat, noch den Auftrag, ihn zum Lachen zu bringen. Ich sage ihr, wo sie ungestört weitermalen kann, und höre später auch ihre Sicht. Sieben zu sein heißt nicht, in jeder Szene die Verständigere spielen zu müssen.
Wenn alles wieder ruhiger ist, benennen wir das Geschehene kurz. „Du warst wütend. Werfen kann jemandem wehtun. Nächstes Mal kannst du auf den Becher zeigen oder mich holen.“ Ich erwarte davon keinen sofortigen Lernerfolg beim nächsten Mittagessen.
Wiederkehrende besonders heftige Situationen, Verletzungen oder Sorgen um die Entwicklung würde ich mit der Kinderarztpraxis besprechen. Dieser Text kann das einzelne Kind nicht beurteilen. Für den normalen schwierigen Moment möchte ich mir aber eines merken: Ich darf die Farbe wechseln, ohne meine Glaubwürdigkeit als Mutter zu verlieren. Und ich darf bei einer notwendigen Grenze freundlich bleiben, auch wenn sie nicht freundlich aufgenommen wird.
A thought worth keeping?



